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November Növelet "Magic"
"Intellektualismus ist die kalte Betrachtung der Erde" schrieb Benn 1934. Wenn das stimmt, dann ist dieses Album intellektuell. Keine Wärme, keine Spontaneität, sondern spröde Müdigkeit überspannter Gehirne.
Da sitz ich nun auf meiner LeCorbusier Couch aus kaltem Chrom, bezogen mit kaltem schwarzen Leder und höre dieses Album.
Klare, kalte Basslinien halten klare, kalte Synthieklänge im Korsett. Obenauf die kalte Stimme von Eisprinzessin Arafna. Muß ich mir jetzt Gedanken machen, daß mir das gefällt? Sei's drum. Herrliches 80iger Jahre Geknarze rattert dezent aus den Boxen.
Überhaupt die 80iger. Keine extremen Ausschläge mehr, wie auf dem Vorgänger, alles ist eingängiger, bleibt aber unglaublich cool und das kann man, wie eingangs geschrieben, wörtlich nehmen. Wo beim grandiosen Erstling der Minimalismus ins Extrem gesteigert wurde (Tock... Tock... Tock), geht es hier deutlich facettenreicher zu, erinnert an analoge Synthie-Experimente der frühen 80iger.
Teilweise klingt das dann, als hätte man die frühen Depeche Mode ein paar Jahre in der Kühlkammer reifen lassen. Parallelen zu TG finden sich zwangsläufig, so beim Titelsong, wo sich das Fitscheln genauso anhört wie TG's "Hot on the heels of love". Trotzdem klingt das alles sehr eigen und bewahrt sich den Hauch des Originären.
Ich höre weiter und muss an Christa Päffgen denken. Das gleiche müde, harte, deutsche Englisch wie bei der New Yorkerin aus Lübbenau ("so schwarz und so weiß und deutsch wie nur was"), der Mohn wichtiger war als ihr Sohn.
NN ist mit dem Album technoide Transformation Päffgens' Musik ins neue Jahrtausend gelungen. Die Aussagen über Sehnsucht und Scheitern die gleichen, die Attitüde ähnlich, nur moderner und totalitärer.
Dabei wirkt nichts angestrengt oder bemüht. Alles ist ungleich intensiver und beklemmender als die Schrei- und Lärmorgien vieler anderer Combos aus dem Powerelectronics-Bereich. Die Gesangsparts werden fast vollständig von Frau Arafna übernommen, dezent unterstützt von Herrn Arafna. Man spürt den Willen, dem ganzen eine unverwechselbare musikalische Corporate Identity zu geben nämlich der poppig-feminine Part von Haus Arafna zu sein (was immer noch reicht, um den Normalverbraucher verstört zurückzulassen). Dem Album kommt das zugute, das ganze wirkt wie aus einem Guß.
Adäquat zur Musik die Texte. So beinhart realistisch das ist schlicht und einfach zielgruppenkonforme Musik. Als Konservativer sieht man ja eh alles viel "Too real". Obwohl im gleichnamigen Song eher zwischenmenschliche Aspekte im Vordergrund stehen, könnte das der Clubhit für die Cicero-Kantine werden. Ähnlich bei "Free" fühle ich mich in fataler Weise an persönliche Kalamitäten erinnert, was dazu beiträgt, NN telepathische Fähigkeiten zuzusprechen. Aber weiter will ich auf textliche Aspekte gar nicht eingehen da soll jeder selber sehen, welche Saite das in einem anklingen läßt.
Wohltuend auch das Persönliche bei der Labelarbeit von Frau Arafna. Man bekommt eine Mail bei Bestellung der Tonträger und das nicht etwa automatisch generiert, sondern ganz normal geschrieben. Sich so Zeit nehmen zu können, ist heutzutage Luxus, Entschleunigung in Reinkultur. Das gibt 'ne Eins. Ich bin zugegebenermaßen recht zurückhaltend beim Kauf von CDs. Hier tu ich's gern und verlange von allen Lesern, verdammt nochmal das gleiche zu tun. So! Hiermit ergeht also die diktatorische Anordnung zum Kauf dieses Tonträgers. Ich bin mir sicher, keiner wird's bereuen.
Das Album ist reifer, schlichter und ausgefeilter als der Vorgänger. Wie ein rauhreifbedeckter Januarmorgen, von unglaublicher Schönheit und traurig bis zum Fatalismus. Kurzum, ich find's grandios. Im Moment state of the art in dieser Richtung Musik äähhm, ja welcher Richtung überhaupt? Katalogisieren und abheften kann man das nicht so recht. Zuvördererst konservativ, zutiefst Avantgarde. Sezierender Blick, "kalter Stil, funkelnd, rapid". O.k., das rapid trifft's wohl nicht so ganz, alles andere schon. Mein (alter) neuer favorite Benn-Beat. Und wer sich jetzt fragt, wer Christa Päffgen ist, der schreibt ocin andersrum und hört sich bitte "Chelsea Girl" oder "Desertshore" an.
tm
[Zwielicht : Nr. 3 : Mai 2008]
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